Die Frage „Was kostet uns das?“ wird in KI-Projekten regelmäßig zu früh gestellt und zu eng beantwortet. Zu früh, weil sie ohne konkreten Anwendungsfall nicht beantwortbar ist. Zu eng, weil meist nur der Lizenzpreis genannt wird – und der ist selten der größte Posten.
Dieser Beitrag geht die tatsächlichen Kostenblöcke durch und zeigt, wie man den Nutzen so beziffert, dass die Rechnung belastbar wird.
Die sechs Kostenblöcke
1. Lizenz oder Nutzungsentgelt
Der sichtbarste und meist kleinste Posten. Üblich sind Preise pro Nutzer und Monat, teilweise gestaffelt nach Funktionsumfang. Bei zwanzig Nutzern und einem mittleren Tarif bewegt sich das im Bereich weniger hundert Euro monatlich – deutlich unter dem, was viele erwarten.
Achten Sie auf zwei Details: Was ist im Preis enthalten, und was wird nach Verbrauch abgerechnet? Und: Zählen nur aktive Nutzer oder alle angelegten Konten?
2. Verbrauch
Sprachmodelle rechnen intern nach Textmenge ab. Bei Pauschaltarifen ist das für Sie unsichtbar. Bei verbrauchsabhängigen Modellen kann es relevant werden – vor allem, wenn große Dokumente verarbeitet werden oder ein Assistent im Hintergrund automatisiert arbeitet.
Die praktische Empfehlung: Klären Sie vor dem Start, ob es eine Obergrenze gibt und was passiert, wenn sie erreicht wird. Eine unerwartete Rechnung ist der schnellste Weg, ein erfolgreiches Projekt zu beenden.
3. Einrichtung und Anbindung
Hier liegt der größte einmalige Posten. Was kostet, ist nicht die Installation, sondern die Verbindung zu Ihren Systemen: Anbindung an Microsoft 365 oder den Fileserver, Aufbau der Rechtelogik, Aufbereitung der Dokumente, Einrichtung der Anmeldung über Ihr Verzeichnis.
Der Aufwand hängt fast vollständig vom Zustand Ihrer Umgebung ab. Eine saubere, gruppenbasierte Berechtigungsstruktur macht diesen Block klein. Eine gewachsene Ablage mit Direktberechtigungen macht ihn groß – und zwar unabhängig davon, welchen Anbieter Sie wählen.
4. Vorarbeiten im eigenen Haus
Der am häufigsten unterschätzte Block, weil er nicht auf einer Rechnung auftaucht. Berechtigungen aufräumen, veraltete Dokumente aussortieren, eine gültige Fassung je Dokument festlegen, Textbausteine zusammenstellen, Testfälle sammeln.
Das ist interne Arbeitszeit, häufig von Personen, die ohnehin ausgelastet sind. Rechnen Sie diesen Aufwand ein und planen Sie ihn ein – sonst wird er zum Grund, warum das Projekt liegen bleibt.
5. Schulung und Begleitung
Zwei bis vier Stunden je Team, plus eine Ansprechperson, die in den ersten Wochen erreichbar ist. Dieser Posten ist klein und entscheidet trotzdem über den Erfolg: Ein Werkzeug, das niemand richtig bedienen kann, kostet die volle Lizenz und bringt nichts. Seit Februar 2025 ist Schulung zudem nicht nur sinnvoll, sondern über die Kompetenzpflicht des EU AI Act auch geboten.
6. Laufender Betrieb
Jemand muss dafür sorgen, dass die angebundenen Inhalte aktuell bleiben, dass neue Mitarbeiter Zugang bekommen und ausgeschiedene ihn verlieren, dass Rückmeldungen aufgenommen werden. In kleineren Unternehmen sind das wenige Stunden im Monat – aber sie müssen jemandem gehören.
Die Kostenfalle, die niemand einplant
Es gibt einen Posten, der in keiner Kalkulation steht und trotzdem regelmäßig anfällt: der Neustart. Er entsteht, wenn zuerst ein Werkzeug beschafft und dann nach dem Anwendungsfall gesucht wurde. Nach sechs Monaten stellt sich heraus, dass die Lösung nicht zum eigentlichen Bedarf passt, und man beginnt von vorn.
Der zuverlässigste Weg, diesen Posten zu vermeiden, ist die Reihenfolge: erst der Anwendungsfall, dann die Lösung.
Wie man den Nutzen belastbar beziffert
Pauschale Produktivitätsversprechen helfen nicht weiter. Belastbar wird die Rechnung, wenn Sie sie an einem konkreten Vorgang aufziehen. Das Muster ist immer gleich:
- Wie oft kommt der Vorgang pro Monat vor?
- Wie lange dauert er heute im Durchschnitt – ehrlich gemessen, nicht geschätzt?
- Welcher Anteil davon ist Suchen, Zusammensetzen und Formatieren?
- Wie viel davon fällt realistisch weg? Rechnen Sie konservativ.
- Was ist die Stunde in diesem Bereich wert?
Wichtig ist die ehrliche Antwort auf die vierte Frage. Wenn ein Angebot heute drei Stunden dauert und davon zwei Stunden auf Suchen und Zusammensetzen entfallen, ist eine Ersparnis von einer Stunde realistisch – nicht von zweieinhalb.
Nutzen, der sich schlecht rechnen lässt und trotzdem zählt
Einige Effekte lassen sich schwer in Euro fassen und sind in der Praxis oft die wichtigeren.
Vorgänge, die vorher unterblieben. Ausschreibungen, an denen aus Zeitmangel nicht teilgenommen wurde. Angebote, die zu spät kamen. Wenn die Bearbeitung deutlich schneller wird, verändert sich die Menge, nicht nur die Dauer.
Wissen, das erhalten bleibt. Bei anstehenden Verrentungen ist die Erschließung vorhandener Unterlagen unter Umständen mehr wert als jede Zeitersparnis.
Weniger Fehler. Ein Hinweis auf eine geänderte Bankverbindung, ein entdeckter Widerspruch im Angebot, eine vermiedene Doppelzahlung.
Entlastung an Engpässen. Wenn eine Person der Flaschenhals für eine ganze Abteilung ist, wirkt jede Entlastung überproportional.
Eine grobe Orientierung
Für ein mittelständisches Unternehmen mit zwanzig bis fünfzig Nutzern und einem klar umrissenen ersten Anwendungsfall gilt als Faustregel: Der einmalige Aufwand für Anbindung, Vorarbeiten und Schulung übersteigt die Lizenzkosten des ersten Jahres deutlich. Ab dem zweiten Jahr kehrt sich das Verhältnis um, und jeder weitere Anwendungsfall ist erheblich günstiger, weil die Grundlagen stehen.
Daraus folgt eine unbequeme, aber nützliche Konsequenz: Wer nach sechs Monaten abbricht, hat nur den teuren Teil bezahlt.
Die Frage, die vor der Kostenfrage kommt
Bevor Sie Angebote vergleichen, beantworten Sie: Welcher konkrete Vorgang soll schneller oder besser werden, wie oft kommt er vor, und wer im Haus verantwortet die Umstellung? Mit diesen drei Antworten wird jedes Angebot vergleichbar. Ohne sie vergleichen Sie Preise für unterschiedliche Dinge.
Genau diese Fragen stellen wir im Erstgespräch – und sagen Ihnen auch dann ehrlich, wenn sich der Einsatz an einer bestimmten Stelle nicht lohnt.
Eine Beispielrechnung zum Nachbauen
Damit die Systematik greifbar wird, hier ein Rechenweg, den Sie mit Ihren eigenen Zahlen füllen können. Nehmen wir die Angebotserstellung in einem Unternehmen, das monatlich vierzig Angebote schreibt.
Ein Angebot dauert heute im Schnitt drei Stunden. Davon entfallen erfahrungsgemäß etwa zwei Stunden auf Suchen, Zusammensetzen und Formatieren und eine Stunde auf Argumentation und Abstimmung. Wenn von den zwei mechanischen Stunden konservativ die Hälfte entfällt, sind das vierzig Stunden im Monat. Multipliziert mit Ihrem internen Stundensatz ergibt sich der monatliche Nutzen.
Dem stehen gegenüber: die Lizenzkosten für die beteiligten Personen, ein einmaliger Aufwand für Anbindung und Aufräumen sowie die interne Arbeitszeit für Vorarbeiten und Schulung. Setzen Sie den einmaligen Aufwand über zwölf Monate an, dann sehen Sie, ab welchem Monat die Rechnung kippt.
Wichtig ist die Ehrlichkeit bei der eingesparten Zeit. Wer mit einer Ersparnis von zweieinhalb der drei Stunden rechnet, baut sich eine Zahl, die im Betrieb nicht eintritt – und verliert damit die Glaubwürdigkeit für das nächste Vorhaben.
Die Kosten des Nichtstuns
Der Vollständigkeit halber gehört auf die andere Seite der Rechnung, was ohne Veränderung weiterläuft: Angebote, die zu spät kommen. Ausschreibungen, an denen nicht teilgenommen wird. Wissen, das mit Verrentungen verschwindet. Und die Zeit, die Beschäftigte heute schon in nicht freigegebene Werkzeuge investieren, ohne dass das Unternehmen etwas davon hat.
Diese Posten lassen sich nicht exakt beziffern. Sie ganz wegzulassen führt aber zu einer Rechnung, die systematisch zuungunsten der Veränderung ausfällt.
Häufige Fragen
Was ist der häufigste unterschätzte Posten?
Die interne Arbeitszeit für Vorarbeiten – Berechtigungen, Ablage, Testfälle. Sie taucht auf keiner Rechnung auf und ist trotzdem der Grund, warum Projekte liegen bleiben. Planen Sie sie ausdrücklich ein.
Lohnt sich das für zehn Mitarbeiter?
Nicht die Mitarbeiterzahl entscheidet, sondern die Häufigkeit des Vorgangs. Zehn Personen, die täglich Angebote schreiben, haben einen klareren Fall als hundert, die es einmal im Monat tun.
Wie vermeiden wir eine Kostenüberraschung?
Klären Sie vor dem Start, ob verbrauchsabhängig abgerechnet wird, ob es eine Obergrenze gibt und was bei Erreichen passiert. Und ob nur aktive oder alle angelegten Konten zählen.
Was kostet ein Anbieterwechsel später?
Das hängt davon ab, ob Sie Konfiguration, Vorlagen und Anbindungen exportieren können. Fragen Sie das vor Vertragsschluss – danach ist es kein Verhandlungsgegenstand mehr.
Drei Beispielrechnungen
Damit die Systematik nicht abstrakt bleibt, hier drei Fälle unterschiedlicher Größe. Die Zahlen sind Platzhalter zum Ersetzen, nicht Erfahrungswerte – der Rechenweg ist das Übertragbare.
Fall A – Handwerksbetrieb, 25 Mitarbeiter, Angebotserstellung. Fünfzehn Angebote im Monat, je zwei Stunden, davon gut eine Stunde Suchen und Zusammensetzen. Bei konservativ angenommener halber Ersparnis sind das rund acht Stunden monatlich. Dem stehen Lizenzkosten für fünf Nutzer gegenüber sowie ein einmaliger Aufwand für Anbindung und Aufräumen. Die Rechnung trägt hier nur, wenn der Stundensatz hoch oder der Aufräumaufwand niedrig ist – ein Grenzfall, den man ehrlich als solchen benennen sollte.
Fall B – Systemhaus, 80 Mitarbeiter, Angebote und Ausschreibungen. Vierzig Angebote im Monat, je drei Stunden, davon zwei mechanisch. Halbe Ersparnis ergibt vierzig Stunden monatlich. Hinzu kommt ein Effekt, der die eigentliche Wirkung ausmacht: Ausschreibungen, die bisher aus Zeitmangel abgesagt wurden, werden bearbeitet. Bei dieser Größe rechnet sich das Vorhaben in der Regel im ersten Jahr.
Fall C – Fertigungsbetrieb, 200 Mitarbeiter, Belegverarbeitung. Achthundert Eingangsrechnungen im Monat. Die Zeitersparnis pro Beleg ist klein, die Menge macht den Unterschied. Der größere Posten liegt aber woanders: bei den Skonti, die heute wegen langer Freigabewege verfallen. Diese Zahl steht in Ihrer Buchhaltung und ist der überzeugendste Teil der Rechnung, weil sie niemand schätzen muss.
Was alle drei Fälle zeigen: Die Mitarbeiterzahl ist nicht der Treiber. Entscheidend sind Häufigkeit des Vorgangs und Höhe des mechanischen Anteils.
Wann sich Nachrechnen lohnt – und wann nicht
Es gibt Situationen, in denen eine detaillierte Wirtschaftlichkeitsrechnung mehr Aufwand kostet, als sie an Erkenntnis bringt.
Bei einem Standardtarif für eine kleine Gruppe sind die monatlichen Kosten so niedrig, dass die Rechnung müßig ist. Hier ist die relevante Frage nicht, ob es sich rechnet, sondern ob die Daten geschützt sind und ob jemand die Nutzung begleitet.
Bei einem Vorhaben mit nennenswertem Einführungsaufwand lohnt die Rechnung immer – nicht, weil das Ergebnis überrascht, sondern weil das Erheben der Ausgangswerte Sie zwingt, den Vorgang genau anzusehen. Dieser Nebeneffekt ist regelmäßig wertvoller als die Zahl am Ende.
Bei einem Vorhaben, das ein Wissensproblem löst – anstehende Verrentungen, Abhängigkeit von einzelnen Personen – führt die reine Zeitrechnung in die Irre. Hier ist die Frage nicht, wie viele Stunden Sie sparen, sondern was es kostet, wenn dieses Wissen verschwindet.
Ein Hinweis zur Verhandlung
Zwei Posten werden in Angeboten häufig knapp kalkuliert und im Projekt teuer: die Anbindung an vorhandene Systeme und die Betreuung nach dem Start. Lassen Sie sich beides getrennt ausweisen und fragen Sie ausdrücklich, was passiert, wenn die Anbindung aufwendiger wird als angenommen.
Umgekehrt gilt: Ein Angebot, das die Vorarbeiten in Ihrem Haus offen benennt statt sie zu verschweigen, ist meist das realistischere – auch wenn es zunächst teurer aussieht.
Sie möchten wissen, ob sich das in Ihrem Unternehmen rechnet? Wir sehen uns einen konkreten Ablauf an und sagen Ihnen auch dann offen Bescheid, wenn sich der Einsatz nicht lohnt.
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